Naturschutzgruppe Witten - Biologische Station e.V.
                                          Naturschutz im mittleren Ruhrtal

Esskastanie (Castanea sativa) - Baum des Jahres 2018

 

von Jochen Roß

Im Wittener Ruhrtal wachsen auf einem Gelände der Stadtwerke zwei mächtige Esskastanien. Ihr Alter wird auf deutlich mehr als 100 Jahre geschätzt, mitunter sogar auf 200. Sie sind Teil einer Gehölzgruppe, die von der Ruhrdeich-Seite der Ruhrbrücke aus in Richtung Wetter direkt vor den Trinkwasser-Filterbecken steht. Von der Brücke aus sind "unsere" Wittener Esskastanien innerhalb dieser Gruppe aber kaum zu erkennen. Weil das Gebiet nicht öffentlich zugänglich ist, sind die beiden markanten Esskastanien in Witten recht unbekannt geblieben. Vielleicht verdanken sie diesem Umstand ihren mächtigen Wuchs und ihr langes Leben. In den 1980er Jahren wurde ihr Umfang immerhin mit 4,45 m sowie 5,10 m nachgemessen. Das ist zwar imposant, die deutsche Rekordinhaberin bringt es jedoch auf einen Umfang von 9,70 m! Sie wächst im Schlosspark Karlsruhe und ist fast 300 Jahre alt! Jedenfalls ist es eine verdiente Anerkennung, dass die 30. Wahl des Jahresbaumes in Deutschland auf diese in Witten bisher noch wenig verbreitete aber hochinteressante Baumart fiel!

Erstaunlich ist bereits der Name der diesjährigen Preisträgerin, denn sie ist biologisch überhaupt keine Kastanie, sondern eine Buche! Sie hat auch absolut keine Verbindung zur allbekannten Rosskastanie, die erst mit Beginn der Neuzeit erstmals in Europa eingeführt wurde und daher als Neubürgerin gilt! Die Buche mit dem Namen "Esskastanie" dagegen ist eine alte Europäerin. Sie erreichte uns aus dem Mittelmeerraum und wurde besonders dank der Römer vor etwa 2000 Jahren in Deutschland bekannt, speziell in den süddeutschen Weinbaugebieten: Ihr Holz ist gegen Verrottung sehr widerstandsfähig und eignete sich daher für die Herstellung der Weinfässer und als Rankpfosten. Trotzdem belegen Pollennachweise, dass unser Jahresbaum bereits zur Bronzezeit nördlich der Alpen wuchs, also deutlich vor der Römerzeit.

Normalerweise wird die Esskastanie bis 30 m hoch, bei einem Umfang von zwei bis höchstens vier Metern, was die Besonderheit der beiden Wittener Prachtexemplare unterstreicht! Erst mit dreißig Jahren wird sie erwachsen und zeigt erstmals ihre rund 20 cm langen kätzchenartigen Blüten. Männliche und weibliche Organe wachsen auf einem Baum, aber in getrennten Blütenständen. Zwar sind die Blüten spätfrostempfindlich, aber weil sie quasi erst im Frühsommer erblühen, konnten unsere Südländerinnen auch im rauen Klima Mitteleuropas überleben. Die Bestäubung erledigen sowohl Insekten als auch der Wind, so dass die Landschaft im Mai/Juni rund um Esskastanien oft in verschwenderischer Fülle gelb eingestäubt ist. Am wohlsten fühlen sich die "Edelkastanien", wie sie auch genannt werden, aber in Südeuropa. So gibt es am Südhang des Ätna das Phänomen von vielen eng miteinander verwachsenen Esskastanienstämmen, die immer wieder wachsen, wegbrechen und neu sprießen, und das soll schon seit 2000 Jahren so sein. Insofern lebt dieser ursprüngliche Baum also immer noch! Heute finden sich landschaftsprägende Bestände von Esskastanien beispielsweise in der Schweiz, besonders in Graubünden und im Tessin, und natürlich in Italien, in den Apenninen. Ihre Kultivierung, auch im Südwesten Deutschlands, verdanken sie aber weniger ihrem stabilen Holz, sondern ihren Nüssen, die bei uns Maronen genannt werden. In der Pfalz heißen sie Keschde und in der Schweiz Marroni. Viele Jahrhunderte vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert waren die Maronen sehr beliebt und geachtet.

Ihr Ehrenname war "das Brot der Armen": Weil Maronen viele Kohlenhydrate enthalten, wurden sie besonders von der stets von Hungersnöten bedrohten Landbevölkerung eingesammelt und gekocht, geröstet, zu Mehl oder Grieß gemahlen oder anderweitig verwendet. Sie galten als Volksnahrung. Weil ein großer Baum einen Ertrag von etwa 180 kg Maronen abwirft, konnte sich ein Mensch ein Jahr lang davon ernähren! Armen Leuten schenkte die Dorfgemeinschaft üblicherweise einen Maronenbaum, damit sie sich ernähren konnten. Gedörrte Maronen sind zwei Jahre lang haltbar. Sie lagerten früher in vielen Häusern als Reserve für schlechte Zeiten. Heute genießt die Esskastanie noch Anerkennung in hustenstillenden Präparaten, Naturheilmitteln, zunehmend aber auch in der neuen Küche: Maronenmehl ist glutenfrei und allergikergeeignet und wird für Brot, Pasta, Polenta, Torten, Pudding, Pfannekuchen und andere Speisen verwendet. Pfalzurlauber schlecken gerne die Spezialität "Maroneneis". Heiße Maronen fehlen auf keinem Weihnachtsmarkt, und Imker schätzen besonders den Geschmack des sehr dunklen Esskastanienhonigs.


Unsere beiden Wittener Prachtexemplare sind beim Ennepe-Ruhr-Kreis als "Naturdenkmäler Nr. 2.3.17 und 2.3.18" eingetragen. Sie werden aber heutzutage nicht mehr gepflegt, frei geschnitten, saniert oder überprüft, weil in den vergangenen Jahrzehnten durch solche Erhaltungsmaßnahmen oder sogar Operationen an anderen Bäumen eher Schaden angerichtet worden sei. Also werden sie eines Tages auf natürliche Weise sterben. Trotzdem sieht die Zukunft der Esskastanien in Witten allgemein nicht schlecht aus: Der Wärme liebende Jahresbaum 2018 gilt im Zeichen der aktuellen Klimaerwärmung als ein künftiger Gewinner, auch bei uns in Westfalen, mit sehr guten Ausbreitungschancen! Zukunftsorientierte Projekte überprüfen bereits ernsthaft, inwieweit sich der "Baum des Jahres 2018" bei uns zum "Baum der Zukunft" entwickeln wird: Er soll die künftige Versorgung der Möbel- und Bauholzindustrie mit langlebigem Qualitätsholz sichern!! Ist das nicht eine erstaunliche Karriere des ehemaligen "Brotbaums der Armen"?