Naturschutzgruppe Witten - Biologische Station e.V.
                                          Naturschutz im mittleren Ruhrtal

Gelblichweißes Ruhrkraut (Gnaphalium luteoalbum)

Stadtpflanze des Jahres 2020

von Hans-Christoph Vahle


Gelblichweißes Ruhrkraut (Gnaphalium luteoalbum) = Gelbweiße Strohblume (Helichrysum luteoalbum)

Die Namensgebung dieser Pflanzenart hat in der letzten Zeit eine drastische Änderung erfahren: Aus dem alten Namen Gelblichweißes Ruhrkraut (Gnaphalium luteoalbum) wurde die Gelbweiße Strohblume (Helichrysum luteoalbum). Wir bleiben hier jedoch bei der alten bekannteren deutschen Bezeichnung Gelblichweißes Ruhrkraut. Der Name „Ruhrkraut“ hat übrigens nichts zu tun mit dem Ruhrgebiet und der Ruhr! Das Ruhrkraut wurde früher als Heilmittel gegen die Ruhr, eine bakterielle Darmerkrankung, eingesetzt. Ganz ursprünglich gibt es aber doch eine Gemeinsamkeit mit dem Fluß Ruhr, denn sowohl die Darmerkrankung als auch der Flussname gehen zurück auf das althochdeutsche ruora, was „Strömung, schnelles Fließen“ bedeutet (https://de.wikipedia.org/wiki/Dysenterie).

Die zitronengelben Blütchen dieses kleinen Korbblütlers stecken in weiß-pelzigen Blütenständen, was der Pflanze den Namen „gelblichweiß“ eingebracht hat. Überhaupt ist die gesamte Pflanze mit einem dichten Flaum weißfilziger Härchen bedeckt, was sie von der Schwesternart, dem Sumpf-Ruhrkraut (Gnaphalium uliginosum) unterscheidet, dessen Behaarung grau ist.

Beide Ruhrkraut-Arten sind kleine einjährige Pflanzen, die auf feuchten, offenen und sonnigen Böden wachsen. Sie gehören als Kennarten in die Vegetationsklasse der Zwergbinsen-Gesellschaften, die inzwischen überall sehr selten geworden sind, da ihre Lebensräume weitgehend vernichtet wurden. Dabei ist das Sumpf-Ruhrkraut noch relativ häufig, das Gelblichweiße Ruhrkraut aber extrem selten – oder besser gesagt: war extrem selten. Denn zurzeit ändert sich da etwas.

Schauen wir zunächst auf die historischen Wuchsorte. Wie es für die Arten der Zwergbinsen-Gesellschaften typisch ist, besiedelte auch das Gelblichweiße Ruhrkraut gesommerte Teichböden, Ufer von Heideweihern, vernässte Äcker, feuchte Wegränder und ähnliche Orte, an denen es feuchte bis nasse Böden gab, die unbeschattet waren und die durch mechanische Beanspruchung offen gehalten wurden. Als einjährige Art kann das Gelblichweiße Ruhrkraut nämlich nur auf offenen, unbewachsenen Bodenstellen keimen; in dichter Vegetation verschwindet es.

Typischer ursprünglicher Wuchsort des Gelblichweißen Ruhrkrauts: Tockengefallenes Sandufer eines Heidesees (Versener Heidesee im Emsland)

Die historische Kulturlandschaft bot für das Ruhrkraut optimale Verhältnisse. Die Landschaft war insgesamt feuchter – d.h. noch nicht so stark entwässert – und durch die Nutzung war sie auch lichtoffener, da schattenwerfende Gehölze deutlich weniger vorhanden waren als heute. Es gab noch viele „unordentliche“ und schlammige Ecken, die von Mensch und Tier zertrampelt, mit Wagen befahren oder mit landwirtschaftlichem Gerät abgeschürft wurden. Viele Kleingewässer wie Hofteiche waren vorhanden, die im Zuge der Bewirtschaftung dann und wann abgelassen wurden oder die einen stark schwankenden Wasserspiegel hatten: super Lebensräume für Zwergbinsen, Ruhrkräuter & Co.

Soweit der Blick auf die historische Kulturlandschaft! Gegenwärtig geschieht das Merkwürdige – und man fühlt sich erinnert an die Phänomene, die ich bereits für das Breitblättrige Knabenkraut geschildert habe – dass sich das Gelblichweiße Ruhrkraut ansatzweise wieder in Ausbreitung befindet. Und dies geschieht überwiegend in den Städten, so dass man nun auf die Idee kommt, diese Pflanzenart als „Stadtpflanze“ zu bezeichnen.

Detailbild vom Ufer des Versener Heidesees mit weißlich-grünen Sprossen des Gelblichweißen Ruhrkrauts

Vermutlich das erste Ereignis dieser Art – dass sich Helichrysum luteoalbum an eher untypischen Standorten im Stadtbereich etablierte – war der Wuchsort auf dem Gelände der Ruhr-Universität Bochum, wo die Art 1990 zum ersten Mal entdeckt wurde. Inzwischen wurde sie aus vielen anderen Städten gemeldet (Armin Jagel 2020; https://www.botanik-bochum.de/jahrbuch/Pflanzenportraet_Helichrysum_luteoalbum.pdf). Auf dem RUB-Gelände wuchs das Gelblichweiße Ruhrkraut zuerst in Pflasterritzen neben dem Audimax, und zwar an Stellen, an denen Dachwasser herabtropft. Hier hält es sich nun seit ca. 30 Jahren, trotzt aller Säuberungsaktionen (manuelles Auskratzen der Fugen, maschinelle Reinigung, Säuberung mit Heißschaum) und breitet sich sogar weiter aus.

Die gegenwärtige Ausbreitung von Helichrysum luteoalbum in den Städten – und damit die Bezeichnung als Stadtpflanze – kann über ein gewaltiges Problem hinwegtäuschen. Denn die Vorkommen in der „freien Landschaft“ gehen weiterhin zurück. Ähnliche Phänomene kennen wir ja inzwischen auch von der Vogelwelt und den Insekten. Wohin soll diese Entwicklung führen? Sollen die urban-industriellen Gebiete zukünftig zu den Hotspots der Biodiversität werden, während die Kulturlandschaft zur artenarmen landwirtschaftlichen Produktionswüste degeneriert?




Städtischer Lebensraum des Gelblichweißen Ruhrkrauts: Pflasterritzen am Audimax der Ruhr-Uni-Bochum. Das rechte Bild zeigt deutlich die Bevorzugung der tropfnassen Bereiche unterhalb der Dachtraufe.

Es sei deshalb abschließend noch einmal ein Blick auf die Kulturlandschaft geworfen, unter dem Gesichtspunkt, ob und wie das Gelblichweiße Ruhrkraut hier gefördert werden könnte. Schauen wir dabei auf einen wenig bekannten und wenig berücksichtigten speziellen Lebensraum des Ruhrkrautes, der früher sehr häufig war und heute so gut wie nicht mehr existiert: Ränder von Wegen und Trampelpfaden durch Feuchtgrünland und Nasswiesen. Hier wird der Boden durch Tritt oder Befahren offengehalten und die Pflanzen der Zwergbinsen-Gesellschaften können wachsen – oder besser gesagt: könnten wachsen, denn heutzutage sieht die Situation doch zumeist ganz anders aus. Erstens ist die Landschaft großflächig entwässert, so dass feuchte Böden Mangelware sind. Zweitens: Gibt es doch feuchte Bodenstellen, dann sind sie zumeist aus der Nutzung herausgenommen und zugewachsen, so dass es keine Lebensmöglichkeiten für die Zwergbinsen-Gesellschaften und das Ruhrkraut gibt. Drittens sind die Wirtschaftswege soweit befestigt oder sogar asphaltiert, dass gar keine offenen Bodenstellen mehr vorhanden sind.

Was kann man tun, wenn man Interesse hat, das kleine Gelblichweiße Ruhrkraut innerhalb der Kulturlandschaft zu fördern? Man kann zunächst ein Auge für das Potenzial entwickeln. Wo gibt es in der Landschaft Feuchtstellen, durch die oder an denen entlang Wirtschaftswege, Vieh-Triftwege oder Trampelpfade verlaufen? Aktuell ist es ja so, dass kleine Feuchtstellen in der Landschaft meistens nicht mehr bewirtschaftet und sich selbst überlassen werden. Das geschieht entweder aus praktischen Gründen („Hier lohnt sich nichts“) oder sogar aus Naturschutzgründen („Hier lasse ich mal ein Biotop entstehen“).

Ergebnis sind dann zugewachsene und verbuschte Stellen – und das ist für die Artenvielfalt allgemein und für das Gelblichweiße Ruhrkraut im Besonderen kontraproduktiv! Denn die wirklich seltenen Tier- und Pflanzenarten, die an diesen Stellen leben könnten, brauchen Licht und können im Schatten des Buschwerks nicht existieren. Im Falle der hier möglichen Zwergbinsen-Gesellschaften ist sogar eine regelmäßige Störung notwendig. Will man das Gelblichweiße Ruhrkraut fördern, müssen die Büsche und Hochstauden entfernt und die Flächen wieder in die angrenzende Nutzung (Wiese, Weide, Acker) integriert werden. Führt ein Wirtschaftsweg daran vorbei, kann man auch – besonders im Winterhalbjahr – absichtlich ein paarmal kurz vom Weg ab und darüber fahren. In den so entstehenden matschigen Fahrspuren können dann im Sommer die Zwergbinsen und das Ruhrkraut keimen. Im Sommerhalbjahr sollte man diese Flächen nicht mehr (oder nur selten) befahren, weil die kleinen Pflänzchen in dieser Zeit etwas Ruhe zum Keimen und Wachsen brauchen.