Naturschutzgruppe Witten - Biologische Station e.V.
                                          Naturschutz im mittleren Ruhrtal

Giftpflanze des Jahres 2019: Gefleckter Aronstab (Arum maculatum)
von Jochen Roß

Einer tropischen Familie entstammen die Aronstab-Arten, von denen sich die für 2019 gekürte Giftpflanze in unseren gemäßigten Breiten gut eingerichtet hat: der Gefleckte Aronstab. Exotisch erscheint uns noch seine ungewöhnliche, ja „orgienhafte“ Art der Bestäubung und biblisch sein Name. Die urinähnlichen Lockdüfte seiner Blüte nehmen wir Menschen allerdings nur naserümpfend wahr, der Volksmund bezeichnete ihn deshalb Jahrhunderte lang schlicht als „Ekelblume“. Der Gefleckte Aronstab ist eine in vielerlei Hinsicht hochinteressante Pflanze!

 

Bereits ab März (2019 ab Februar!) sprießen die pfeilartigen grünen Blätter dieses Frühblühers aus dem Boden. Oft sind sie, wie der Name sagt, dunkel gefleckt, aber mitunter bleiben sie durchaus einfarbig grün. Auffällig ist zunächst, dass Aronstabblätter ihre dreieckige Form perfekt behalten, ohne unter Fraßspuren von Schnecken oder anderen Pflanzenfressern zu leiden: Kein Blatt ist angeknabbert! Grund sind kleine nadelspitze Oxalatsäure-Kristalle, mit denen die Pflanze sich wehrhaft gegen ihre Fressfeinde zu verteidigen weiß. Sie rufen ein unvergessliches, schmerzhaftes Brennen im Maul hervor und bedeuten: Achtung! Hier handelt es sich um eine Giftpflanze! Auch Menschen würden sofort das Brennen verspüren, verbunden mit vergiftungsähnlichen Symptomen. Besonders problematisch sind daher gemeinsame Standorte von Aronstab und dem ähnlich aussehenden Bärlauch: Nicht selten sammeln unachtsame oder unkonzentrierte Bärlauchsammler versehentlich Aronstabblätter mit ein und verzehren sie im Bärlauchsalat. Schwerwiegende Vergiftungen bleiben da nicht aus!

 

Im Frühlingsverlauf produziert der Aronstab außer den Blättern ein helles, tütenartiges Hochblatt, die Spatha. Sie umhüllt zunächst noch die Blüte. Was sich dann an einem Apriltag ereignet, wird von Menschen oft mit der Eröffnung eines Freibier-Lokals verglichen: Das Hochblatt gibt den Blick auf die Blüte frei, einen violettfarbenen langen Kolben, der gleichzeitig einen intensiven Harngeruch verströmt. Mücken, Fliegen und weitere Kleininsekten der Umgebung werden davon magisch angelockt und fliegen herbei. Sie landen auf dem glatten Spatha-Innenrand, rutschen dort aber unausweichlich immer tiefer, vorbei an den Reusenhaaren, einem Borstenkranz, der nur in einer Richtung passiert werden kann, bis tief hinunter in den Kessel. Das ist für die Insekten eine Art „Feierraum“:  Bei Wohlfühltemperaturen von rund 35 ° C bieten die weiblichen Blüten am Boden reichlich Nektar an, der von allen Insekten offensichtlich begeistert aufgenommen wird. Nebenbei bestäuben sie dabei ihre Wirtspflanze, und bis zum nächsten Tag genießen sie surrend und taumelnd den wohligen Aufenthalt. Dann aber folgt der „Rausschmeißer“. Die männlichen Blüten schütten ihre Pollen über den Gästen aus, ein Ölfilm an den Kesselwänden trocknet ein und erlaubt wieder das Hochkrabbeln, der betörende Duft schwindet und die Sperrborsten am Ausgang welken: Der Rückweg aus der „Kessel-Gleitfallenblume“ ist wieder frei gegeben! Voll beladen mit Blütenstaub steuern die Gäste eine neue „Aronstabparty“ an. 


Nach diesem besonders einfallsreichen Befruchtungsablauf bildet  sich die gesamte Pflanze zurück. Blätter und Blütenteile welken, nur der unauffällige Rumpf des Kolbens verbleibt noch auf dem Waldboden. Erst im Herbst  bemerken wir die Pflanze wieder, wenn die weiblichen Blüten am Kolben erste grüne Beeren gebildet haben. Dieses Ergrünen des Kolbens hat wohl unsere bibelfesten Vorfahren an den Stab des alten Hohepriesters Aaron erinnert. Bei seiner Wahl durch Mose schlug Aarons Stab grün aus als Zeichen, dass er der Richtige war. Das erklärt den ungewöhnlichen Namen „Aronstab“! Die grünen Beeren reifen aber schnell und färben sich leuchtend scharlachrot. Sie enthalten den Samen und bestimmten früher den Anblick eines herbstlichen Auwaldbodens. Auch diese Beeren wirken toxisch! Grundsätzlich sind alle Pflanzenteile des Aronstabes giftig und rufen Übelkeit und Erbrechen hervor! Die chemische Beschaffenheit mancher Inhaltsstoffe ließ sich bis heute noch nicht vollständig klären. Bei vielen Menschen kann schon das Berühren der Blätter zu Hautreizungen führen, und dem Weidevieh drohen nach dem Verzehr sogar tödliche Folgen! 


Bevorzugter Lebensraum der „Giftpflanze des Jahres“ sind feuchte, schattige Laubwälder oder auch Hecken auf jeweils kalkhaltigem Boden. Diese Bedingungen finden sich in Witten lediglich in Stockum im Bereich des Dorneywaldes, wo er teilweise dichte Bestände bildet. Auch im Ruhrtal kann er nahe vereinzelter Auen-Restbestände noch beobachtet werden. Die besonders in der Umgebung von Kleingärten anzutreffenden „Aronstäbe“ sind jedoch meistens Züchtungen aus einer verwandten italienischen Art. Durch den landesweiten Verlust an feuchten, artenreichen Wäldern ist der Aronstab seltener geworden. Er ist daher gesetzlich geschützt, um ihn vor dem Ausgraben, Pflücken oder Zerstören zu bewahren und ihn den nachfolgenden Generationen zu erhalten.