Naturschutzgruppe Witten - Biologische Station e.V.
                                          Naturschutz im mittleren Ruhrtal

Heilpflanze des Jahres 2019: 

Echtes Johanniskraut (Hypericum perforatum) 

von Jochen Roß


Das Echte Johanniskraut, auch Tüpfel-Johanniskraut genannt, ist ein wirkliches Sonnenkind. Verlässlich zur Sommersonnenwende öffnet es in den hellsten Tagen des Jahres seine ersten goldgelben Blüten und verkündet damit den Sommer. Der Name Johanniskraut ist wohl auf Johannes den Täufer zurückzuführen, dessen Namenstag am 24. Juni (Johannistag) genau in diese Zeit der ersten Blütenöffnung fällt. Die fünfstrahligen, leuchtenden Blüten, über deren Mitte die langen Staubgefäße wie eine Krone wirken, begleiten uns durch die warme Jahreszeit bis in den September hinein. Dann jedoch verweist die zunehmende Braunfärbung der Blüten bereits auf das Ende des Sommers. Echtes Johanniskraut wächst auch bei uns sehr verbreitet an trockenen Wegrändern, auf „ungepflegten“ Verkehrsinseln und auf Schuttplätzen, eben überall dort, wo magerer Boden und Trockenheit die lästigen Konkurrenzpflanzen in Schach halten. In Pflanzenbüchern unserer Urgroßeltern findet man es nur unter dem Namen „Hartheu“. Der damals eng mit der Landwirtschaft verbundenen Bevölkerung war dieser Name sehr plausibel, denn für das Vieh eigneten sich die sehr harten Stängel im Heu gar nicht. Nachgewiesenermaßen war das Hartheugewächs den Menschen aber schon seit vorchristlicher Zeit vertraut. Seine weiteren Namen wie Hexenblume und Teufelsflucht, Herrgottsblut, Blutkraut, Wundblume und Fieberkraut weisen auf eine lange Geschichte als Zauber- und als Heilpflanze hin. 

 

Mit einer Höhe von 40 bis 80 cm wird das Johanniskraut für seinen trockenen Standort erstaunlich groß. Aber mit einer extra langen Wurzel von 50 cm erreicht es selbst zwischen Pflastersteinen tiefe, feuchte Bodenschichten, um die ganze Pflanze gut zu versorgen. Der durch zwei deutliche Längskanten verstärkte harte Stängel verästelt und verzweigt sich in der Höhe und wächst dort buschig in die Breite. Durch diesen eigenartigen Wuchs vermag jede der vielen Einzelblüten ein Optimum an Sonnenlicht einzufangen. Die Bestäubung besorgen Insekten, obwohl sie nur Blütenstaub, aber keinen Nektar angeboten bekommen. Besonders Blattkäfer finden sich zahlreich ein zum „Abstauben“. Um die Verbreitung der recht dicken Samen kümmern sich Vögel und auch der Wind. Die Samenkörner des Johanniskrautes benötigen zum Keimen vorrangig Licht, Licht und noch mal Licht!

 

Dem wissenschaftlichen Namen „hypericum“ wird wohl am ehesten die Übersetzung „auf der Heide wachsend“ gerecht. Wobei unsere Vorfahren unter „Heide“ nicht etwa eine blühende Fläche mit Besenheide verstanden, sondern nährstoffarmes, trockenes und daher landwirtschaftlich unergiebiges Land. Manche Menschen empfinden noch heute das Johanniskraut als Anzeiger magerer Böden einfach als „Unkraut“. Andere sehen es als „giftig“ an, weil es auch eine fotosensibilisierende Wirkung auslösen kann („Hartheu-Krankheit“). Aber wer die Blätter und die Blüten gegen das Licht hält, entdeckt darin die vielen kleinen „Löcher“ wie Nadelstiche bzw. wie kleine Tüpfel. Das sind die segensreichen hellen Öldrüsen und die dunkleren Harzdrüsen mit den zahlreichen wertvollen Inhaltsstoffen. Diese scheinbaren „Löcher“ erklären aber den Namenszusatz „perforatum“, also gelöchert. Griechische und römische Schriften priesen schon vor mehr als zweitausend Jahren das Tüpfel-, eben das Echte Johanniskraut als Heilmittel gegen Reptilienbisse, Melancholie und zur Wundheilung. Seine Heilwirkung ist bis heute unbestritten, und aktuell wurde das Echte Johanniskraut zur Heilpflanze des Jahres 2019 gekürt!

 

Kurios: Aus frischen Johanniskrautblüten gewonnenes „Johannisöl“ ist  in Deutschland frei verkäuflich erhältlich als Wundheilmittel, gegen Hauterkrankungen, Magenleiden, Rheumaschmerzen u. a. Erfolgreich angewendet wird es aber auch bei leichten bis mittleren Depressionen. Wenn diese nervenentspannende Wirkung aber auf der Packung angegeben wird, gilt das Mittel damit als verschreibungspflichtig. Johannisöl wird auch unter dem Namen „Rotöl“ angeboten. Der Grund ist leicht zu erkennen: Wer nämlich mit den Fingern auf eine ungeöffnete Blüte des Johanniskrautes drückt, wird erstaunt erleben, dass ein roter Tropfen heraus quillt! Solche „Blutstropfen“ faszinierten die Menschen von alters her, sie vermuteten darin verborgene magische Kräfte und übten damit allerlei Zauberei oder sogar „Teufelsaustreibungen“ aus. Die früher hoch geachtete Heilpflanze musste Jahrhunderte lang auch als Schutz gegen Hexen und alle bösen Mächte dienen. Heutzutage ist das Echte Johanniskraut trotz seiner unbestrittenen Heilwirkung längst nicht mehr so bekannt und geachtet, obwohl es noch mitten unter uns wächst. Es lohnt sich aber nach wie vor, die hübsche Heilpflanze des Jahres 2019 z. B. am Bahnschotter oder auf einer Brachfläche aufzusuchen und im Gegenlicht seine wertvollen Öldrüsen zu betrachten.