Naturschutzgruppe Witten - Biologische Station e.V.
                                          Naturschutz im mittleren Ruhrtal

Lurch des Jahres 2019: Bergmolch (Ichthyosaura alpestris) 

(früher: triturus alpestris)

von Jochen Roß

Wenn ein Kind die Gelegenheit hat, in einem Garten- oder sogar Schulgartenteich zu forschen, könnte es fasziniert sein von einem dunklen Molch mit orangerotem Bauch – dem Bergmolch. Solch eine Erfahrung hat schon vielen jungen Leuten die Tür zur geheimnisvollen Welt der Amphibien geöffnet. Der diesjährige Lurch des Jahres präsentiert wohnortnah viele Facetten seines Amphibienlebens: Sein Landleben verbringt er in einem ganz unauffällig dunklen, groben Äußeren, nicht weit von seinem Gewässer. In jedem Frühjahr legt sich das Männchen im Laichgewässer eine fast tropisch anmutende, dunkelbläulich-vielfarbig schillernde Wassertracht zu, gekrönt von einem schwarzgelb getupften zwei mm hohen Rückenkamm. Das Paarungsritual zu beobachten und später die verblüffende Metamorphose  der Larve von einem Wasserlebewesen zum Landtier mitzuerleben, das hinterlässt unvergessliche Eindrücke. Zudem vermitteln die langsamen, unbeholfen erscheinenden Schritte des Bergmolches an Land jedem Kind bereits Vorstellungen von dem kleinen Saurier, der bereits vor Millionen Jahren das Land eroberte, sich aber immer noch nicht ganz vom Wasser verabschieden konnte.

 

Ursprünglich ist der Bergmolch in vielfältigen hellen Laubwäldern mit Totholz, großen Wurzeltellern und Wasserpfützen zu Hause. In der offenen Landschaft mit Feldhecken, Wassergräben und Staudenfluren fand er sich auch zurecht. Seiner Anpassungsfähigkeit, insbesondere dass er seine Lebensräume sogar im Bergland bis zu 2000 Metern Höhe besiedelt, verdankt er auch seinen Namen. Obwohl er ja überwiegend ein Landtier ist, benötigt er zur Fortpflanzung lebensnotwendig das Wasser: möglichst einen Teich, jedes stehende Gewässer mit Vegetation, zumindest aber einen ruhigen Bachrand oder nassen Weggraben. Ja, sogar eine wassergefüllte Wagenspur auf dem Waldweg verwertet er als Ablaichmöglichkeit! Im Laufe der Urbanisierung der Landschaft und durch zunehmende Gülle- und Biozidverbreitung in der Landwirtschaft brachen jedoch alle Amphibienpopulationen ein. Als Antwort gelang es manchem Bergmolch, in die neuen Siedlungsbereiche mit Foliengartenteichen umzuziehen. Dort wird er sogar geduldet, weil er im Garten die Schnecken in Schach hält. Voraussetzung für solch ein Abkommen ist aber, dass der Teich nicht mit Fischen besetzt wird. Auch die fressgierigen Larven der Blaugrünen Mosaikjungfer bedrohen den Bergmolch-Nachwuchs in seiner neuen Heimat, ganz abgesehen von den tödlichen Gefahren durch Gartenpestizide.  Außerdem entpuppen sich im menschlichen Wohnbereich Gullys, Kellerschächte und Fahrzeuge als neue Feinde des Bergmolchs.

 

Überwinterungsmöglichkeiten findet der Bergmolch in der Landschaft in Ritzen alter Mauern, im Altholzmulch, unter Baumwurzeln oder auch im Schlamm eines Teiches, in Gartenbereichen in Holz- oder Steinhaufen oder ähnlichen Verstecken. Sobald aber die Temperaturen steigen, zieht es ihn in sein bevorzugtes Element, das Wasser. Hier ist er bestens ausgestattet, um erfolgreich Beute zu machen, und zwar dank seines besonderen „Gefühls“: Wie ein Fisch ist er nämlich mit kaum sichtbaren Seitenlinien ausgestattet, die auch die geringsten Wasserbewegungen in seiner Umgebung wahrnehmen, selbst wenn sie z. B. von einem Wasserfloh ausgelöst werden. Schnell hat er so eine Mahlzeit an Kleinlebewesen eingesammelt. Aber die Hauptbeweggründe für seinen Drang zum Wasser sind die Balz und die Fortpflanzung. Bei Einvernehmen legt das Männchen ein Samenpaket am Boden ab und führt seine Partnerin darüber, damit sie mit der Kloake den Samen aufnimmt. Ihre 100 bis mehr als 300 so befruchteten Eier klebt sie einzeln(!) in zusammengerollte Blättchen der Unterwasservegetation. Falls es diese nicht gibt, z. B. in den wassergefüllten Wagenspuren, dienen auch alte Herbstblätter, Ästchen oder Steinchen zum Befestigen der Eier. Schon im Mai haben die Erwachsenen das Wasser wieder verlassen und ihre unauffällige Landtracht angelegt. Die wasserangepassten Larven wandeln sich nach bis zu fünf Monaten kräftigen Wachsens in neue landangepasste Molche um. Häufige Berichte über Neotonie, ein Vorgang, bei dem die Larven zwar fortpflanzungsfähig werden, aber ihre Kiemen behalten und ganzjährig im Wasser bleiben, gelten zwar besonders für Bergmolche, sind allerdings bisher in Witten noch nicht beobachtet worden.

 

Bereits in den 1970er Jahren verglichen Mitglieder der damaligen Naturschutzgruppe Witten den Ist-Bestand an Kleingewässern mit alten Flurkarten und Berichten aus der Zeit der vorherigen Jahrhundertwende. Sie mussten feststellen, dass innerhalb von acht Jahrzehnten deutlich mehr als 90 % aller Wittener Amphibiengewässer verloren gegangen waren, hauptsächlich durch Verfüllung, Vermüllung, Flurbereinigung und Baulandgewinnung. Im Sinne eines nachhaltigen Amphibienschutzes legten die Vereinsmitglieder in Absprache mit Landwirten und Förstern neue „Hölzer“ und Kleingewässer zwischen Feldern und in Wäldern an bzw. sanierten verunreinigte Teiche, um der fortschreitenden Artenverarmung der Wittener Landschaft entgegenzuwirken. Außerdem beobachtet und erfasst die NaWit regelmäßig die Bestandszahlen der Amphibienarten. Der landesweite Trend starker Bestandsrückgänge bei allen Amphibien konnte zwar auch in Witten nicht gestoppt, aber immerhin gebremst werden. Die Wahl des bei uns noch am besten vertretenen Bergmolches zum „Lurch des Jahres 2019“, selbst wenn er einem Gartenteich entstammt, ist ein dringender landesweiter Aufruf, den Schutz aller Amphibien und ihrer natürlichen Gewässer in der Landschaft endlich praktisch und konkret umzusetzen.