Naturschutzgruppe Witten - Biologische Station e.V.
                                          Naturschutz im mittleren Ruhrtal

Der Grasfrosch (Rana temporaria) - Lurch des Jahres 2018

von Jochen Roß


Gäbe es bei den Amphibien den Frühjahrswettbewerb "Wer ist zuerst im Wasser?", der Lurch des Jahres 2018 wäre haushoher Favorit! Kein anderer Lurch kommt nämlich mit solch niedrigen Temperaturen zurecht wie der Grasfrosch. Schon im Februar springt er in frostfreien Phasen als erster Frühlingsbote von seiner Erdspalte aus in Richtung eines Laichgewässers, in milden Wintern ist er bereits im Januar unterwegs. Mancher Grasfrosch wühlt sich aber auch im Spätherbst direkt in den Teichschlamm ein, der ist natürlich am ehesten vor Ort, um sich ein Weibchen und eine sonnige Ablaichstelle zu sichern. Generell versucht jeder, sich gegenüber den Artgenossen und auch den kälteempfindlicheren Erdkröten oder Molchen einen Vorteil zu verschaffen. Der in einem Landversteck überwinternde Grasfrosch muss so manche Autostraße überqueren. Aber das geschieht mit einigen weiten Sprüngen recht schnell, und so wird er deutlich seltener als die langsame Erdkröte zu einem Verkehrsopfer. Bei der Wahl seines Laichgewässers ist er keinesfalls zimperlich: Seen, stehende und auch langsam fließende Gewässer, Wassergräben oder Gartenteiche bis hin zu Regenwasser gefüllten Reifenspuren bzw. Senken in einer Feuchtwiese - alles kommt als Hochzeitsgewässer in Frage, Hauptsache, das Wasser ist sauber und von der Sonne beschienen.


 

 




Wer meint, ein Grasfroschmännchen vermöge nicht zu quaken, irrt: Zwar besitzt es tatsächlich keine nach außen ausgestülpten Schallblasen wie der "Schreihals" Grünfrosch. Aber seine inneren Schallblasen bringen zur Paarungszeit ein dumpfes Knurren hervor, das aus der Nähe auch für unsere Ohren hörbar ist. Paarungsbereite Weibchen stoßen im Wasser etwa 3000 bis zu rekordverdächtigen 4500 unbefruchtete Eier in einem Klumpen aus, der vom Männchen mit Samen bespritzt wird. Eine hohe Anzahl an Eiern wird auf diese Weise erreicht und befruchtet.

 

Danach zeigt sich eine geniale Grasfrosch-Anpassung an die kalte Jahreszeit: Die Gallertmasse um jedes befruchtete Ei quillt schnell auf, so dass die Eier Auftrieb bekommen und als "Laichballen" an der Wasseroberfläche schwimmen. Warum sich jedes Ei bei derart kalten Wassertemperaturen überhaupt entwickeln kann? Die Gallerthülle, in die jedes Ei eingebettet ist, wirkt wie ein Treibhaus! Genau im Zentrum eines jeden Minitreibhauses erwärmt jeder nur mögliche Sonnenstrahl die dunklen Embryonen. Gleichzeitig wirkt die Gallerthülle isolierend und hält die gewonnene Wärme im Zentrum zurück. Von dieser pfiffigen Grasfroschidee haben wir Menschen gelernt, Sonnenenergie in Sonnenkollektoren zu speichern und zur Warmwasserzubereitung zu nutzen. Die spezielle Grasfroschsolarheizung wirkt natürlich nur an ruhigen, bereits im Februar besonnten Stellen des Gewässers und selbst dort eben nur durch die besondere Lage der Laichballen an der Wasseroberfläche. Den Nachteil, nämlich dass bei Kaltlufteinbrüchen die obere Schicht frostbeschädigt abstirbt, gleicht der Jahreslurch durch seine erhöhte Eierproduktion aus. Laich ist aber auch für Schwimmenten ein "gefundenes Fressen". In der Hinsicht sind z. B. die laut quakenden Grünfrösche (Teichfrösche, Wasserfrösche) besser dran: Ihre Laichballen sinken zwar einfach auf den Boden ab, aber dafür laichen sie erst rund zwei Monate später im deutlich wärmeren Wasser bei einer niedrigeren Verlustquote. Dem grünen Wasserfrosch reichen folglich auch Laichballen mit bis zu 1000 Eiern pro Laichballen.



 


Der diesjährige Preisträger "Grasfrosch" wird bis zu 10 cm groß. Auf seiner braunen, bei den Weibchen eher rötlichbraunen Haut fallen die dunklen Körperflecken und das große, tiefbraune Trommelfell hinter den Augen auf. Heutzutage treffen wir ihn kaum noch im Gras, sondern wenn, dann an Waldrändern im Laub, wo er gut getarnt lebt. Der Grasfrosch ist zwar ein uralter Wittener. Aber die großen Ablaichplätze mit mehreren hundert Laichballen gibt es in Witten nicht mehr! Noch vor rund 40 Jahren wurde in einem Teich in Witten-Annen der Rekord von 1000 Laichballen festgestellt! Inzwischen ist das Zählen der Laichballen-Funde leider sehr viel einfacher. Welche Gründe führten zu diesem Niedergang?

 

Bis vor achtzig Jahren lebte der Jahreslurch bei uns sehr häufig auf den damals kleintierreichen Ackerflächen, Wiesen und Weiden. Doch seitdem wurde er hauptsächlich durch die Intensivierung der Landwirtschaft aus seiner offenen, feuchten Landschaft verdrängt. Dort, wo er überlebt hat, ist er quasi zu einer Art der lichten Wälder geworden. Als Feinde des Grasfroschs werden oft noch Vögel, Laufkäfer oder Spitzmäuse genannt bzw. als Fressfeinde des Nachwuchses Fische, Molche und Insektenlarven. Aber die konnten ihm nichts Ernsthaftes antun. Erst die Drainierung der Feuchtwiesen, das Entfernen der Wassergräben, die immer stärkere Ausbreitung von Dünger und Umweltgiften sowie das Verkippen von Müll in Gewässern, der Einsatz von mehr und mehr Pestiziden mit seinen Folgen - das alles hat den Lurchen, die ja einen Teil ihrer Atmung über die Haut regeln, sehr zugesetzt. Inzwischen musste selbst dieser früher so häufige Grasfrosch in die "Rote Liste der bedrohten Tiere" als "zurückgehende Art" aufgenommen werden. Ein Zurück zur kleinräumigen Landschaft mit einem Wechsel von offenem Land, Hecken, Wald und mit sauberer, giftfreier Luft scheint unwahrscheinlich. Welche Perspektive bleibt dem Lurch des Jahres 2018?