Naturschutzgruppe Witten-Biologische Station e.V.
Naturschutz im mittleren Ruhrtal

Schafgarbe (Achillea millefolium)

Staude des Jahres 2021

von Jochen Roß

Die Wahl zur „Staude des Jahres“ liegt in der Hand des „Bundes Deutscher Staudengärtner“. Dieser weist damit einerseits auf heutige Züchtungserfolge hin, die Schafgarben mit  gelben, violetten, weißen, weinroten, rosa, orangefarbenen und roten Blüten hervorbringen und so dem Gärtner abwechslungsreiche optische Impulse ermöglichen. Als weiterer Grund für die Jahreswahl wird der Wert der Schafgarbe für Insekten genannt. Ihre eigentliche ökologische und geschichtliche Bedeutung offenbart sie aber erst, wenn sie uns in ihrer ursprünglichen Form als die weißblühende Wiesen-Schafgarbe begegnet. Sie ist die häufigste unter den 16 in Deutschland vorkommenden Garben und heißt deshalb auch Gemeine Schafgarbe.


Vielsagende Namen

Seit Jahrhunderten sind uns weitere Namen überliefert, sie weisen auf die vielfältigen im Volkswissen verwurzelten Eigenschaften der Gemeinen Garbe hin: Feldgarbe, Gartengarbe, Wurzelkriecherin, Bodenfestigerin, Weißer Dickkopf, Gänsezunge, Zimmermannskraut (in dem Beruf kam es oft zu blutenden Verletzungen), Soldatenkraut, Blutstauer, Grundheil, Blutstillkraut, Pestilenzkraut (als Trockensträuße im Haus als Schutz vor der Pest), Achilleskraut. Schon im Althochdeutschen waren die Garbenarten unter ihrem Namen „garwe“ bekannt, was damals „Gesundmacher“ bedeutete. Hildegard von Bingen empfahl vor fast 1000 Jahren die Pflanze „garwa“ bei blutenden Wunden (man tränkte den Verband mit ausgepresstem Saft der Blätter), und der antike griechische Sagenheld Achilles soll seine verwundeten Soldaten bereits mit diesem Blutstillkraut verarztet haben. Achilles‘ Name blieb auch im wissenschaftlichen Begriff „Achillea“ erhalten; der Zusatz  „millefolium“ heißt auf Deutsch „tausendblättrig“ und weist auf die filigran gefiederten Blätter hin. Der eigenartige Kampfergeruch und der leicht bittere Geschmack der Garben bescherte ihnen sogar einen Namen als „Bierwürze“, bevor sich zu dem Zweck der Hopfen durchsetzte.


Alteingesessene Wiesenbewohner

Wie der heute geläufige Name Wiesen-Schafgarbe verrät, gilt sie als typische Wiesenstaude. Wiesen sind aber kein Naturzustand: Werden sie nicht kurz gehalten, holt sich der Wald sein Gebiet wieder zurück!  Erst vor etwa 8000 Jahren begannen unsere Vorfahren allmählich, die nacheiszeitlichen Wälder an einigen Stellen zu lichten, um Futter für Weidetiere zu gewinnen. Flugs wanderte die Schafgarbe von ihrem bisher kargen Lebensraum einiger lichtdurchfluteter Waldteile aus auf diese neuen Weideflächen. Damit begann die Erfolgsgeschichte der Schafgarbe im Gefolge des Menschen. Sowohl auf Weiden als auch auf den späteren gesensten Futterwiesen kommt die „Wurzelkriecherin“ seitdem gut zurecht: Sie treibt aus ihrer langen Wurzel bis zu 50 cm lange Ausläufer in alle Richtungen des Erdreiches. Aus denen bringt sie im Umfeld immer wieder neue Blatttriebe und Blütenstängel hervor. Des weiteren vermehrt sie sich erfolgreich durch ihre sehr kleinen silbergrauen Samenkörner. Das Vieh schätzt die aromatische Schafgarbe sehr und scheidet ihre Samenkörner an künftigen Standorten unverdaut und unbeschädigt wieder aus. Besonders Schafe, die Namensgeber der deutschen Bezeichnung, haben die feingegliederten weichen Blätter „zum Fressen gern“. Sie meiden jedoch die harten, zähen Blütenstängel. Wenn auf einer Freifläche also die völlig blattlosen kahlen Blütenstängel der Garbe herumstehen, weist das auf das Werk von Schafen hin. Zusammen mit Wiesenbärenklau und vielen anderen Doldengewächsen tragen die Schafgarben ab Juni zum weißen sommerlichen Bild der Wiese bei, viel aufgesucht von Insekten. Die Garbe lockt unter anderen auch Schlupfwespen und viele Schmetterlinge an, sogar den Schwalbenschwanz. Bei solchem weiß dominierten Wiesenanblick stellen die Bauern nach alter Überlieferung zufrieden fest, dass „der weiße Hund“ wieder die Wiese durchlaufen hat, was bedeutet, dass alles in bester Ordnung ist! Das folgende Abgemähtwerden stört die Schafgarbe nicht, sie treibt bis in den November hinein immer neue Blüten sowohl aus ihrer bodennahen Rosette als auch aus ihren Rhizomen in die Höhe. 


Anspruchslos und robust

Im Gegensatz zu ihren neuartigen Gartenzüchtungen übersteht dieser „Weiße Dickkopf“ jeden strengen Frost und auch große Sommertrockenheit! Das hilft ihm bei den bisher aufgetretenen Folgen des Klimawandels: Die mitunter nur 30 cm bis zu einem Meter hohe Staude ist eine wahre Sonnenanbeterin, und selbst bei großer Sommertrockenheit sichert die oft 90 cm tiefe Pfahlwurzel noch ihre notwendige Wasserversorgung. Die fein gegliederten  Blätter mit ihrer verkleinerten Blattfläche lassen zudem nur wenig Wasserverdunstung zu. Einmal im Rasen angesiedelt schafft der fleißigste Gärtner trotz allen Mähens kaum, die Garbe zu vertreiben. Er sollte sich nicht ärgern, dass die niedrig kriechenden Sprosse vom Rasenmäher nicht erfasst werden: Bei extremer Trockenheit bewirken sie immer noch einen grünen Eindruck des ansonsten braunen Rasens! 

Versehentlich zählt man die Gartengarbe zu den Doldengewächsen wegen ihrer weißen, manchmal allerdings auch leicht rosafarbenen „Trugdolde“, einer scheinbaren Dolde. Bei genauem Hinsehen entpuppt sie sich als eine Ansammlung von kleinen Korbblütlern. Zahlreiche bis zu 4 mm große Korbblütchen haben sich zusammengetan zu einer großen Trugdolde. Und jedes einzelne Korbblütchen besteht wiederum aus kleinsten runden Röhrenblüten in ihrer Mitte, umrandet von weißen Zungenblütchen, die sich nach außen hin verlängert haben und jeweils eine weiße Zunge bilden. Durch das Zusammenstellen ihrer vielen kleinen Korbblüten zu einer scheinbar großen Einzelblüte hat sich die Schafgarbe ein auffälliges Werbeschild für ihren Nektar geschaffen! Selbst kleinste Insekten besuchen gerne den leicht zugänglichen Garbennektar und tragen zur Befruchtung bei. Hinsichtlich seiner Samenkörner beweist der „Weiße Dickkopf“ dann einmal mehr die Berechtigung dieses Namens: Nach dem Keimen der Saat lässt er sich stur drei Jahre Zeit bis zum ersten Blühen! Dann aber blüht er mehrfach!


Allheilmittel

Beachtenswert bleibt die Schafgarbe zusätzlich wegen ihrer Jahrhunderte langen Tradition  als Heil- und als Nutzpflanze. So ist sie eine uralte innerlich und äußerlich anzuwendende Arzneipflanze, die noch heute u. a. in der Phyto- und in der anthroposophischen Medizin eingesetzt wird. Ihre lange zurückreichende Geschichte als Wildgemüse verblasste zwischenzeitlich, aber mancher Koch bringt sie heutzutage wieder gerne in Erinnerung: Die jungen Blätter schmecken vor der Blüte kräftig herb und werden in geringsten Mengen z. B. Salaten, Suppen oder Gemüsegerichten beigegeben. Früher wurden sie mitunter zerschnitten und als Brotbelag verwendet. Sogar bei einem uralten Orakel über die Gefühle des heimlich Geliebten konnte sich die Schafgarbe als nützlich erweisen: „Man drehe ein Schafgarbenblatt dreimal in der Nase herum und denke dabei ganz intensiv an den Verehrten!“ Wenn die Nase zu bluten begann, konnte man davon ausgehen, dass die Liebe erwidert wurde! 

Sorgen um die künftigen Bestände der Jahresstaude 2021 sind wohl unbegründet: Eine Pflanze wie die Schafgarbe, die sowohl große Hitze als auch strenge Kälte und zudem extreme Trockenheit zu ertragen weiß, kann auch in Klimawandelzeiten zuversichtlich in die Zukunft schauen!