Naturschutzgruppe Witten-Biologische Station e.V.
Naturschutz im mittleren Ruhrtal

Zauneidechse (Lacerta agilis)

Reptil des Jahres 2020/2021

von Annette Schulte (Fotos 1, 2 u.5: Hamann & Schulte)


Eine der seltensten Reptilienarten in Witten, die Zauneidechse (Lacerta agilis) ist von der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e. V. (DGHT) als Reptil des Jahres 2020/2021 ernannt worden.

Die Zauneidechse ist in ganz Deutschland verbreitet, allerdings tritt sie im Süden und Osten deutlich häufiger auf als bei uns im Westen. Deutschlandweit ist sie in die Vorwarnliste der Roten Liste aufgenommen worden (Stand 2020), in Nordrhein-Westfalen gilt sie landesweit als "stark gefährdet",  für und Süderbergland und das Ruhrgebiet ist sie als "vom Aussterben bedroht" eingestuft (Stand 2011). Auf der Basis des Europarechts der "Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie" (FFH-Richtline) ist sie streng geschützt.

Frisch geschlüpfte Jungtiere sind 5-6 cm lang, erwachsen können sie - inkl. Schwanz - bis zu 25 cm lang werden. Die Weibchen sind braun mit einem Muster aus weißlichen, schwarz umrandeten Flecken auf dem Rücken und an den Flanken. Die Männchen weisen bei einer meist ähnlichen Fleckenzeichnung auf dem Rücken mehr oder weniger grünliche Flanken auf, wobei sich die Grünfärbung zur Paarungszeit im Frühjahr verstärkt und sich weiter über die Körperseiten und den Kopf erstrecken kann. 


Zauneidechse weiblich

Zauneidechse männlich


Zauneidechsen ernähren sich räuberisch, vor allem von Insekten und Spinnen. Dabei dient die Zunge als wichtiges Tast- und Sinnesorgan, das intensiv die Gerüche der Umgebung aufnimmt und an ein spezielles Organ am Gaumenboden (den Jakobson-Organ) weitergibt. Außerdem besitzen die Eidechsen noch ein weiteres besonderes Organ, das "Dritte Auge". Es handelt sich um eine Öffnung oben am Schädelknochen mit einer lichtdurchlässigen Schuppe. Dieses "Scheitelauge" nimmt Hell- und Dunkel-Wechsel sowie Bewegungen wahr und dient damit insbesondere der Feinderkennung. Fressfeinde der Zauneidechse sind Marder, Füchse, Schlangen, Vögel und auch Hauskatzen. Letztere fressen die Eidechsen in der Regel nicht, töten sie aber meist beim Jagen.

Der deutsche Name "Zaun"-Eidechse spiegelt gut ihre Lebensweise wider. Die Art ist eine Grenzgängerin zwischen verschiedenen Lebensräumen. Sie bewohnt bevorzugt Saum- und Übergangsbereiche zwischen Gehölzbeständen auf der einen und Freiflächen wie Brachen, Heiden oder strukturreichem Grünland auf der anderen Seite. Zauneidechsen sind tagaktiv und von März bis Anfang Oktober zu beobachten. Den Winter, aber auch Schlechtwetterphasen, verbringen sie in vorhandenen oder selbst gegrabenen Erdlöchern und -spalten, wobei die Stoffwechselaktivität und somit der Energieverbrauch auf ein Mindestmaß herabgesetzt werden. Alle Reptilien sind wechselwarme Tiere. Dies bedeutet, dass sie ihre Körpertemperatur nicht selbst aufrechterhalten können. Während der Aktivitätsphase benötigen die Zauneidechsen daher zum Aufwärmen gut besonnte, offene Bereiche, bei zu hohen Temperaturen oder bei Gefahr suchen sie dagegen Schutz in dichter Vegetation. Zudem benötigen die Weibchen möglichst unbeschattete, vegetationsfreie und locker-grabbare Böden für die Anlage einer Eiablagekammer in 5-10 cm Tiefe. Die 5-15 Eier eines Geleges werden dann im Laufe von ca. zwei Monaten ausschließlich durch die Bodenwärme ausgebrütet. Ein strukturreiches Vegetationsmosaik in wärmebegünstigter Lage ist deshalb für die Existenz der Art von ausschlaggebender Bedeutung.

 

Die Kenntnisse der NaWit zu Zauneidechsen in Witten reichen bis in die 1950er Jahre zurück. Bekannte Vorkommen lagen vor allem an Bahnstrecken, an Böschungsmauern und in stillgelegten Steinbrüchen, fast ausschließlich südlich der Ruhr. Besonders häufig war die Art allerdings aufgrund der speziellen Ansprüche an ihren Lebensraum schon immer nicht. Inzwischen muss man sie aber als große Seltenheit einstufen, deren völliges Verschwinden aus dem Stadtgebiet in absehbarer Zeit zu befürchten ist. Dies hat mehrere Gründe: 

Die ursprünglich von der Art besiedelten Steinbrüche sind inzwischen alle nicht mehr als Lebensraum geeignet. Neben der Verbuschung und damit Beschattung der ursprünglichen Aufenthaltsplätze führte vor allem die Rekultivierung, Sicherung, Umnutzung und Erschließung für die Freizeitnutzung dort schon mehrheitlich in den 1980er und 1990er Jahren zum Verschwinden der Art (z. B. Steinbruch Imberg in Annen, Steinbruchbereiche im Muttental). 

Die Vorkommen an Bahnlinien im Wittener Süden betrafen z. T. schon stillgelegte oder zumeist wenig frequentierte (Güter-)Bahnstrecken, die mittlerweile fast alle in Radwege umgebaut wurden. Immerhin wurden zumindest bei den Umgestaltungen jüngeren Datums randlich zu den Radwegen Lebensräume der Zauneidechse erhalten, aufgewertet oder auch neu hergerichtet. An einigen ehemaligen Bahnstrecken ist die Art aber dennoch verschwunden. Außerdem bedürfen die hergerichteten Ersatzlebensräume einer ständigen Pflege, damit sie nicht zuwachsen und damit für die Zauneidechse unbrauchbar werden. Entsprechende Reptilienflächen an der Museums-Bahnlinie bzw. dem Ruhrtalradweg im Muttental nahe der Zeche Nachtigall werden daher seit Jahren von der  NaWit gepflegt und offengehalten. 

Besonders erfreulich war es für uns, dass  sich von dort aus  sich auch schnell Zauneidechsen in unseren  NaWit-Garten eingefunden haben, in dem wir gezielt Flächen und Strukturen für die Zauneidechse hergerichtet haben.


Die jüngste Gefahr für die wenigen verbliebenen Vorkommen der Zauneidechse kommt von einer anderen Seite: es ist die Konkurrenz mit der bei uns ursprünglich nicht heimischen, aber seit ca. 20 Jahren ausgesetzten und sich seitdem stark ausbreitenden Mauereidechse (Podarcis muralis). Erste Vorkommen von Mauereidechsen entdeckte die  NaWit Ende der 1990er Jahre an einem bekannten Zauneidechsen-Vorkommen bei Steinhausen in Bommern. Wie spätere genetische Untersuchungen zeigten, handelte  es sich dabei um Mauereidechsen der Unterart Podarcis muralis maculiventris-West, die natürlicherweise in Teilen Liguriens sowie in der zentralen und westlichen Poebene (inklusive des anschließenden Alpengebietes) vorkommt.








Zauneidechse (unten) und Mauereidechse (oben) gemeinsam an einem Standort in Bommern



Innerhalb weniger Jahre gewannen die eindeutig auf Aussetzung beruhenden Mauereidechsen aufgrund ihres deutlich aggressiveren und agileren Auftretens dort die Oberhand und verdrängten die Zauneidechsen. Der Standort wird mittlerweile schon seit über zehn Jahren ausschließlich von Mauereidechsen besiedelt. Die Expansion ging von dort aus – selbstständig oder durch  weitere Aussetzungen und Verschleppungen begünstigt – weiter und umfasst mittlerweile das gesamte Gelände der Zeche Nachtigall, die angrenzende Bahnlinie der Museumsbahn sowie weiter benachbarte, geeignete Lebensräume. Auch den Garten der  NaWit hat die Mauereidechse inzwischen erreicht. Ob die beiden Arten im Muttental miteinander existieren können oder auch hier die Zauneidechse von der Mauereidechse verdrängt wird, bleibt abzuwarten