Naturschutzgruppe Witten - Biologische Station e.V.
                                          Naturschutz im mittleren Ruhrtal

Der Hirschkäfer (Lucanus cervus) - Insekt des Jahres 2012      

 von Jochen Roß


Ein lauer Juniabend - in der aufkommenden Dämmerung erregen plötzlich unbeholfene, laut brummende Flieger die Aufmerksamkeit: große Käfer, seltsam senkrecht in der Luft hängend, ein offensichtlich sehr schweres "Geweih" tapfer in die Höhe reckend, unruhig taumelnd und surrend, ständig an Hindernissen aneckend, sichtbar bemüht, einen Absturz zu vermeiden! Viele Jahre haben sie als Larve in der dunklen Erde verbracht, um nun in den letzten Tagen ihres Lebens eine Partnerin zu finden. Es sind Hirschkäfer (Lucanus cervus), die "Insekten des Jahres 2012". Wo sie noch vorkommen, bieten sie im Frühsommer dieses beeindruckende Naturschauspiel.

               

Zahnlose Riesen lecken nur Flüssignahrung

Nur das Männchen dieser dunkel rotbraunen Käferart hat den Oberkiefer derart vergrößert, dass er einem Hirschgeweih ähnelt. Mit bis zu 10 cm Körperlänge übertrifft es so alle anderen mitteleuropäischen Käferarten. Allerdings kann es mit diesem "Geweih" keine Nahrung mehr aufnehmen, es dient nur als Waffe, um bei der Partnersuche unliebsame Konkurrenten vom Baum zu werfen. In dieser kurzen, etwa einmonatigen Lebensphase kann der fliegende erwachsene Käfer höchstens Flüssignahrung aufnehmen. Das Weibchen mit seinem oft nur 4 cm langen Körper ist da besser dran. Es lockt die Männer mit Duftstoffen zu einem bereits ausgewählten Rendezvousplatz.

Das ist eine "Leckstelle" möglichst an einer alten Eiche. Solch eine Leckstelle entsteht durch Frostschäden, Windbruch o. ä. oder das Weibchen hat mit seinen kleinen, aber wirkungsvollen Kiefern selbst das Absondern der Baumsäfte herbeigeführt! Tagelang verharrt dann ein Hirschkäferpaar an solch einer Leckstelle in trauter Zweisamkeit und genießt den Eichensaft, wobei der überlange Oberkiefer des Männchens verhindert, dass die Partnerin doch noch abhanden kommt. Nach der Paarung sucht die Käferfrau geeignete morsche oder absterbende, von Pilzen befallene Baumwurzeln auf. Etwa einen halben Meter tief gräbt sie sich in den Boden und legt ihre 40 bis 80 Eier in verpilztes Holz ab. Im Juli haben Vater und Mutter ihr langes Leben beendet. Ihre Larven indes werden bald ihr Geburts-Totholz zu Mulm verarbeiten.


Verwandlung in einer faustgroßen Puppenwiege

Die gelbweißlichen Larven, ähnlich den bekannten Engerlingen, erreichen in den nächsten fünf oder sogar acht Jahren mit bis zu 12 cm Länge eine noch imposantere Größe als die Großkäfer selber. In guten Bruthölzern, meist ist das bei uns der unterirdische Bereich von Eichenstümpfen, leben verschiedene Generationen von Hirschkäferlarven nebeneinander, mitunter 100 Tiere. Erst im Spätsommer ihres vorletzten Lebensjahres verlassen sie den Totholzbereich und suchen eine Erdhöhle im Waldboden auf, eine "Puppenwiege", wo sie in einem faustgroßen selbst gefertigten Kokon mit extra dicken Wänden das Wunder der kompletten Metamorphose vollziehen. Im Herbst schlüpfen die fertigen Hirschkäfer, warten aber den Winter noch im Boden ab. Erst ab Ende Mai kriechen sie aus dem Waldboden in Erwartung einer Paarung an einer saftigen Eichen-Leckstelle. 


Sehr selten geworden

Feinde der Hirschkäfer gibt es zahlreich: Wildschweine versuchen, die unterirdischen Larven zu erwischen. Spechte, Eulen, Elstern und andere Vögel verspeisen gerne die erwachsenen Käfer. Ein großer Feind ist aber auch der Straßenverkehr! Hirschkäferweibchen laufen bevorzugt ihren Weg zu einer passenden Leckstelle, während die Männchen flugfreudiger sind. Für sie ist ein Flugradius von mehreren Kilometern nachgewiesen. Lichte Laubwälder mit besonnten Wärmeinseln und alten Eichen sind typische Lebensräume dieses 2012-Insekts. Anstelle der favorisierten Eichen werden jedoch ersatzweise auch andere Laubbäume als Gastgeber akzeptiert. Trotzdem ist der Hirschkäferbestand bei uns seit den 1950er Jahren deutlich zurückgegangen, weil in unseren forstwirtschaftlich genutzten Wäldern für Totholz und überalterte, morsche Bäume wenig Platz ist.


Stark vertreten ist der Käfer nur noch in den wenigen verbliebenen Eichen-Urwäldern. Allerdings tritt er in den letzten Jahren auch in urbanen Lebensräumen wie Parkanlagen auf, möglicherweise deutet sich hier eine zukünftige Entwicklung des Hirschkäfers zum "Kulturfolger" an. Die Wahl zum Insekt des Jahres 2012 soll helfen, die Bevölkerung für den versteckt lebenden Großkäfer zu sensibilisieren und in forstlicher Hinsicht bewusst Eichenstümpfe stehen zu lassen oder sogar alte Eichenbestände voll zu erhalten.
In den Wittener Wäldern und Parks könnten wir im Frühsommer durchaus wieder den lauten, schwerfälligen Hochzeitsflug einiger Hirschkäfer erleben und vielleicht sogar mal einem abgestürzten, hilflosen "Mann" wieder auf die Beine helfen. Informationen über Hirschkäfer-Beobachtungen mit genauer Ortsangabe nimmt die NaWit mit großem Interesse entgegen.