Naturschutzgruppe Witten-Biologische Station e.V.
Naturschutz im mittleren Ruhrtal

Die Rotbuche (Fagus sylvatica) – Baum des Jahres 2022

von Jochen Roß



Spaziergänger vergleichen einen alten Buchen-Hochwald oft mit einem hohen Dom, den sie betreten: ein sonnenverspieltes grünes dichtes Dach auf vielen silbergrauen Säulen, und am Boden ein beige-brauner Teppich aus altem Laub! Tatsächlich verdunkelt das geschlossene „Zeltdach“ der Rotbuchen den Waldboden, aber es schützt ihn auch vor dem Austrocknen. Zudem sind die Zweige der Rotbuche so angelegt, dass sie das Regenwasser trichterartig zum Baumstamm hin ableiten, und von dort gleitet es über die völlig glatte Rinde verlustfrei direkt zu den Wurzeln! Die Rotbuche profitiert zusätzlich von ihrer „Herzwurzel“: Ein stärkerer Mittelteil des „Herzens“ wächst nach unten und erreicht somit tiefe wasserführende Bodenschichten. Die ausgeprägten seitlichen Nebenwurzeln, bezeichnenderweise „Elefantenfüße“ genannt, verlaufen dagegen sehr bodennah und weiten sich bis zu 20 m Entfernung aus. Außerdem vertragen die recht toleranten Rotbuchen sowohl eher trockene als auch feuchte, sowohl saure als auch kalkreiche Böden! Mit diesen Strategien hat sich die Rotbuche in Jahrtausenden zum Erfolgsbaum Mitteleuropas gemausert, und sie wird sehr häufig einfach nur „die Buche“ genannt. Sie hat wirklich grüne Blätter, den Namen Rotbuche verdankt sie dem rötlichen Schimmer ihres Holzes. Sehr irritierend ist, dass es vornehmlich in Parkanlagen wirklich Buchen mit dunkelroten Blättern gibt. Das sind ebenfalls Rotbuchen, sie haben aber den Namen „Blutbuchen“ bekommen. Alle heutigen Blutbuchen sind Züchtungen, die auf eine einzige „Mutterblutbuche“ zurückgehen, und diese wuchs im 15. Jahrhundert in einem Park in Thüringen als eine natürliche Mutation einer Rotbuche. Aus einer Laune der Natur heraus sind also rotblättrige Rotbuchen entstanden, die nach und nach in vielen Parks als die beliebten Hingucker „Blutbuche“ bewundert wurden.


Der Nachhaltigkeitsbaum

Der Licht- und Wassermangel am Boden verhindert zwar das Gedeihen anderer lichtbedürftiger Pflanzen. Lediglich einige Spezialisten, besonders Frühjahrsblüher wie Buschwindröschen, Bärlauch oder bei sauren Böden der Sauerklee, bieten für kurze Zeit den Anblick einer blühenden Waldbodenflora. Wunderbarerweise verträgt aber die Buche für ihr Wachstum sogar eine Verringerung der Tageslichtstärke auf 25%, und davon profitiert der eigene Nachwuchs! Ein beispielhaftes Vorbild für „Nachhaltigkeitsdenken“ ist eine weitere Eigenschaft der Rotbuche: Ihre Blätter enthalten nur leicht zersetzbare Pflanzenteile. Das sorgt für lockeren und lebendigen Boden, beste Nahrungsbedingungen z. B. für Pilze, Insekten, Schnecken, Würmer, Asseln. Das zersetzte Laub wird von Bodenorganismen umgebaut und als Kohlenstoff im Waldboden gespeichert. Alle Nährstoffe werden also wunderbar recycelt: Die Rotbuche düngt sich selbst! Allein rund 7000 Tierarten sind auf den Buchenwald mit seinen Höhlen, Laubschichten, fetten Bucheckern und dem lockeren Boden angewiesen, von der winzigen Milbe bis hin zum Schwarzspecht! Dies alles, die Wuchskraft bis ins hohe Alter hinein und ihre Schattenverträglichkeit haben ihr den Namen „Mutter des Waldes“ eingebracht. Ohne den Eingriff des Menschen wäre Witten vermutlich überwiegend ein riesig großer Rotbuchenwald!


Ruhephasen und Mastjahre
Auch der Kräftigste braucht mal eine Ruhepause. Die Rotbuche setzt ihren Kreislauf etwa von November bis Februar völlig herab und ruht! Gegen Frostschäden schützt sie sich mit speziellen Schutzstoffen. Ab März wandelt sie ihre gespeicherte Stärke in Zucker um und  transportiert Wasser in ihren „Körper“ für ihr erstes großes Ziel: das Blühen! An ein und demselben Baum erkennen wir bald männliche und gleichzeitig auch weibliche Blüten. Aus den weiblichen Blüten entstehen später die Früchte der Rotbuche, die dreikantigen braunen „Bucheckern“.  Von Mai bis Juli wachsen weitere Holzmasse heran sowie unzählige dunkelgrüne Blätter in sechsstelliger Anzahl! Ab August lassen die Kräfte der „Mutter“ langsam nach. Die Früchte fallen zu Boden, und sie kommt wieder zur Ruhe. Auf dem Waldboden liegen aber zehntausende ihrer Bucheckern. Besonders nach einem warmen und trockenen Sommer fallen noch weitaus größere Mengen an Bucheckern an. Solche „Mastjahre“ sind sehr kräftezehrend für den Baum, sie bremsen auch das Holzwachstum. In der Regel dienen die vielen Bucheckern den Waldtieren als Nahrung. Wer sich selbst zu einem Baum entwickeln will, muss sich daher schnell verstecken, z. B. in der Laubschicht!  Denn zum Keimen muss der Samen unbedingt dunkel lagern. Unsere Großeltern oder Urgroßeltern sammelten die fetthaltigen Bucheckern gerne ein und brachten sie zu einer „Ölmühle“. Die Kinder haben lieber die Schalen abgeknibbelt und die nussig schmeckenden Kerne mit Freude gegessen, auch in Mengen. Heute weiß man, dass Bucheckern den für Menschen giftigen Stoff „Fangin“ und sogar auch etwas Blausäure enthalten. Vom Verzehr wird abgeraten!


Von Germanen und Gewittern

Warum ein „Buch“ seinen Namen der Buche verdankt, ist weithin bekannt: Ursprünglich benannte man ein Rotbuchentäfelchen mit eingeritzten Zeichen so. Die Germanen schätzten bereits das leicht spaltbare Buchenholz und „schrieben“ ihr Runenalphabet auf sogenannte „Buchenstäbe“. Auch später, als man bereits Pergament und sogar Papier beschrieb, hat man noch traditionsbewusst Schriftstücke mit einem Einband aus Buchenholzbrettchen zusammengefasst. Wenn wir heute ein Wort „buchstabieren“, sind uns die Zusammenhänge mit der Rotbuche gar nicht mehr bewusst. Eine ganz andere Weisheit unserer Vorfahren zum Lob der Buchenbäume, die sich bis heute gehalten hat, beruht dagegen auf einem Irrtum: Nach heftigen Gewittern fand man zwar oft Eichen vor, die vom Blitz getroffen und sichtbar geschädigt worden waren, aber äußerst selten Buchen! Daraus entstand der Rat für alle, die Schutz vor Blitz und Regen suchten: „Vor Eichen sollst du weichen, die Buchen sollst du suchen!“ Tatsächlich bieten Buchen keinen Schutz vor einem Blitzeinschlag. Frei stehende Bäume aller Arten werden gleich häufig vom Blitz getroffen! Aber die grobe, borkige Rinde der Eiche saugt sich wie ein Schwamm voll mit Wasser, was deutlich sichtbare Blitzschäden zurücklässt. Die bis ins hohe Alter glatte, dünne Silberrinde der Rotbuche leitet dagegen das Regenwasser und folglich auch jeden eventuellen Blitz direkt in den Boden, ohne einen deutlichen Schaden zu hinterlassen.


Der Vormholzer „Urwald“
Ein Rest des ursprünglichen Rotbuchenwaldes, wie er bei uns auf den felsigen, kalkarmen Böden Wittens seit Jahrtausenden wächst, ist heute noch erhalten, und zwar an dem steilen Ruhrhang zwischen Vormholz und der Ruine Hardenstein. Der Hang konnte nie landwirtschaftlich und nur äußerst aufwändig forstwirtschaftlich genutzt werden. Deshalb wachsen hier heute noch am Boden neben den alten Buchen einige harte Seggen oder Binsen. Typisch für den alten Rotbuchenwald ist die anspruchslose Hainsimse, die sich bis heute hier gehalten hat. Solch eine früher deutschlandweit verbreitete Waldgemeinschaft heißt „Hainsimsen-Buchenwald“. Der unzugängliche Steilhang in Vormholz ist also eine Art naturgeschichtliches Museum! Für unsere Vorfahren spielte noch jede Buche eine große Rolle als Heilpflanze. Aber heute trinkt bei Fieber niemand mehr Buchenrindentee. Dankbar könnten wir dagegen sein für etwa 10.000 Liter Sauerstoff, die jede ausgewachsene Rotbuche pro Tag spendet! Das ist ungefähr der Tagesbedarf an Sauerstoff für 25 Menschen!


Baum des Jahres 2022
Die Rotbuche stand bereits im Jahr 1990 als „Baum des Jahres“ im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Als bisher einziger Baum wurde sie nun zum zweiten Mal zum Jahresbaum gewählt. Wahrscheinlich liegt der Grund darin, dass im Zeichen des Klimawandels sogar die Rotbuche, geradezu ein Symbol für Standortgerechtigkeit und optimale Wachstumsbedingungen in Deutschland,  in den vergangenen sehr warmen und äußerst trockenen Jahren Schäden davongetragen hat! Ein sichtbares Alarmzeichen? Die größten Schäden zeigten sich allerdings an sonnenexponierten Südhängen, ohnehin kein geeigneter Standort für diese ansonsten so toleranten Pflanzen! Forstbotaniker starten nun ein Projekt, die Samen der trockenresistentesten und vitalsten Rotbuchenexemplare zur Naturverjüngung auszusuchen. Denn gerade in trockenen Jahren ist der umsichtige Umgang der Rotbuche mit dem Wasser für uns vorbildlich: Wenig Verdunstungsverluste in den dichten Baumkronen, direktes Ableiten zu den Wurzeln über die Spezialrinde – Baum des Jahres, wir brauchen dich!